Autor: Daniel Gilbert
Goldmann Verlag, 9,95 €
ISBN: 978-3-442-15488-3


Suche dein Glück nicht, dann findet es dich von selbst

Mechanismen des Selbstbetrugs

Anstatt dem nachzugehen, was uns spontan in den Sinn kommt, übernehmen wir die Verantwortung für das Wohlergehen der Person, die wir in Zukunft sein werden.

Wir treiben Sport, versuchen uns halbwegs gesund zu ernähren und meiden Drogen soweit es geht, weil wir hoffen, so unserem zukünftigen Ich ein glücklicheres Leben zu ermöglichen. Wenn es heute einen gesellschaftlichen Wert gibt, auf den sich alle einigen können, dann ist das das Glück.

Mehr Geld bringt nicht immer mehr Zufriedenheit
Die Glückssuche ist im 20. Jahrhundert zur alleinigen Antriebsfeder der Menschen geworden. Man tut was man tut nicht mehr, um Gott, Vaterland oder Führer zu dienen, sondern ausschließlich in der Hoffnung, so sei persönliches Glück zu mehren. Aber seltsam: Je verbissener der Einzelne dem Glück nachläuft, desto unglücklicher fühlt er sich. Dabei scheint doch alles ganz einfach zu sein: ein größeres Haus, ein besserer Job, mehr Geld, auf der finanziellen Seite, und dann natürlich Kinder, Kinder und noch mehr Kinder auf der emotionalen Ebene. So lautet die Formel, nach der die meisten versuchen, ihr Glück zu finden. Dass sich der heute erhoffte Zustand im Morgen dann doch nicht einstellt, hat unter anderem damit zu tun, dass das Rezept falsch ist, so Daniel Gilbert.

Ein Mehr an Geld bringt nämlich nur bis zu einer bestimmten Grenze mehr Glück. Menschen, die 50.000 Euro im Jahr verdienen, sind viel glücklicher, als solche, die nur über 10.000 Euro verfügen. Für Leute an oder unter der Armutsgrenze vermehrt jeder Euro das Glück direkt proportional. Darüber hinaus aber nimmt der Grenznutzen pekuniärer Belohnung rapide ab.

Menschen in armen Nationen sind weniger glücklich als Menschen, die in Nationen mit bescheidnem Wohlstand leben, aber Menschen in Nationen mit bescheidenem Wohlstand sind nicht viel unglücklicher als Menschen, die in extrem wohlhabenden Nationen leben.

Die „Super-Replikatoren“
Auch, dass Kinder ein Quell der Freude sind, stimmt so nicht, meint Daniel Gilbert. Befragungen zufolge sind Paare zu Beginn ihrer Ehe relativ glücklich und werden im Laufe ihrer Ehe immer unzufriedener. Den ursprünglichen Grad an Zufriedenheit erreichen sie erst dann wieder, wenn der Nachwuchs außer Haus ist. Und auch Mütter sind Untersuchungen zufolge weniger glücklich, wenn sie sich um ihren Nachwuchs kümmern müssen, dafür aber umso mehr, wenn sie essen, Sport treiben, einkaufen gehen, ein Mittagschläfchen halten oder fernsehen.

Wenn aber weder Vermögen noch Nachkommen glücklich machen, warum bemühen sich dann alle, Geld zu scheffeln und zumindest ein Kind in die Welt zu setzen? Der Grund dafür liegt laut Daniel Gilbert in den „Super-Replikatoren“. Das sind kulturelle Überzeugungen und Weisheiten, die sich deshalb verfestigt haben, weil sie das System stützen und so das Überleben eben jenes Systems gewährleisten.

Daher wird der Glaube, dass Kinder ein Quell von Glück sind, ganz einfach deshalb zum Teil unserer kulturellen Weisheit, weil die gegenteilige Überzeugung die Gesellschaft auflösen würde. Menschen, die der Überzeugung sind, dass Kinder Elend und Verzweiflung bringen – und sich daher keine mehr anschaffen -, würden ihr Gedankenübertragungsnetzwerk in rund 50 Jahren außer Kraft setzen und damit ihre Überzeugung auslöschen.

Schönrederei
Dazu kommt ein Phänomen, das Gilbert „psychisches Immunsystem“ nennt. Das bedeutet, dass wir Zustände, die wir nicht ändern können, schön reden. Wenn wir schon Kinder haben, dann behaupten wir halt, sie wären unser größtes Glück. Und wir behaupten es so lange, bis wir es wirklich glauben. Was sonst sollen wir tun – aussetzen geht ja schlecht.

Daniel Gilberts Buch strotzt nur so vor wissenschaftlichen Fakten. Hunderte Studien zitiert der Autor. Trotzdem ist „Ins Glück stolpern“ kein langweiliges Buch, denn Gilbert schreibt äußerst populär, so populär, dass man sich mitunter wünscht, er würde auf den einen oder anderen Kalauer verzichten.

Ein wenig ist der Buchtitel Etikettenschwindel. Gilbert schreibt nur am Rand über das Glück, und schon gar nicht wird man bei ihm Patentrezepte finden, wie man eben jenes Glück erreichen kann. Ihn interessiert vielmehr, wie das menschliche Gehirn die Zukunft plant, wie wir unsere eigene Existenz sehen und welche Mechanismen des Selbstbetruges am Werk sind, wenn wir uns selbst einschätzen müssen. Ein spannendes, gutes Buch ist dabei herausgekommen, eines, das viel über die Menschen, ihre Sehnsüchte und Wünsche aussagt, aber nur wenig Konkretes über das Glück. Und das ist gut so.

Text: Gerhard Pretting

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