Intellektuelle: Reflexe statt Reflexionen

Auszug aus einem Kommentar des Soziologe Christian Fleck auf derStandard.at:

(…)

Wer ist für das in den vorigen Beiträgen geschilderte Schlamassel verantwortlich? Kommentatoren neigen dazu, den Reformstau den Politikern anzulasten. Daran ist manches wahr, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Ein erheblicher Teil der Verantwortung für die skizzierte Misere kommt einer Gruppe von Zeitgenossen zu , die man gemeinhin Intellektuelle nennt und deren Verhalten mir in mehrfacher Hinsicht geeignet erscheint, das eingangs benannte Gefühl der Resignation eher zu verstärken als aufzubrechen. Warum ist das so?

Da sind einmal jene, die man Pawlow’sche Kritiker nennen kann. Eine Handvoll Intellektueller ist stets zur Stelle, wenn ihr Auslösereiz klingelt: Wenn es gegen Faschisten geht, zürnt die heimische Literaturnobelpreisträgerin, wenn es gegen die Verharmlosung eines Arbeitermörders und dessen angebliche Wiedergänger in den politischen Wandelhallen der Gegenwart geht, wirft sich ein promovierter Romancier ins Zeug, wenn die heimischen Schulen wieder einmal im Argen liegen, mahnt der pensionierte Pädagogikprofessor; Leser dieser Seite kennen weitere Beispiele. Dabei will ich gar nicht sagen, dass diese Interventionen unberechtigt wären – im Gegenteil: in zwei von drei Fällen (mindestens) ist der Protest wohlbegründet und punktgenau formuliert. Doch bevor man den Kommentar zu lesen beginnt, weiß man schon, was kommen wird und welche Lehre daraus zu ziehen ist: Denk doch endlich so wie ich!

Eine weit größere Gruppe verzichtet überhaupt darauf, Kritik zu üben, weil sie als eingebettete Intellektuelle Rücksicht auf ihre Gastgeber nehmen und die Einladung zu künftigen Bettungen nicht aufs Spiel setzen wollen. Über diese Spezies etwas anderes als tief empfundene Verachtung zu artikulieren, fällt mir schwer, zumal dem Dauerschlaf dieser Bettgänger der Macht kaum etwas entgegenzusetzen ist: Wohl situierten Duckmäusern und Langeweilern „Wacht auf!“ zuzurufen, fällt in Don Quichottes Ressort.

Ähnlich prekär wie die Beziehung zu den Mächtigen ist das Verhältnis zum Volk. Karikaturisten der Vergangenheit geißelten die Bösartigkeit der Mächtigen, bannten die Verschwendungssucht der Reichen aufs Papier und entblößten die Trotteligkeit der Herrschenden. Wir Bildungsschnösel ergötzen uns an den Zeichnungen von Manfred Deix, deren Verachtung der „gewöhnlichen“ Leute kaum zu überbieten ist. Der amerikanische Sozialwissenschaftler Michael Walzer hat darauf aufmerksam gemacht, dass Gesellschaftskritik nur wirksam werden kann, wenn die kritisierte Gesellschaft als eigene begriffen und empfunden wird…
Die Verachtung der Massen hat in Österreich eine lange Tradition, und mehr als einmal lieferte die Geschichte den Verächtern auch Anlass, sich in ihrer Abscheu bestätigt zu sehen. Aber: Eine demokratische Gesellschaft ohne Mitsprache der Majorität kann sich nur der imaginieren, der sich als Nachfahre Josephs II. sieht.
Dieser Neo-Josephinismus ist weitgehend immun gegen Anregungen und Kritik (der eigenen Position), stellt keine Fragen mehr, sondern sucht die Wirklichkeit nur mehr nach Belegen für die immergleichen Antworten ab. Und wer immer schon weiß, was richtig wäre, der braucht ja tatsächlich mit niemandem mehr zu diskutieren.

Eine ähnliche Haltung manifestiert sich auch in der stetig um sich greifenden Protestkultur des „Zeichensetzens“. Wann immer etwas Verwerfliches geschieht, findet sich alsbald jemand, der ein Zeichen setzen will, um das Böse zu bannen. Nach einem durchzeichneten Abend zieht man mit dem wohligen Gefühl von dannen, es „denen da“ wieder einmal gezeigt zu haben. – Nichts ist weniger politisch als solche Gefühlsaufwallungen. Politisch wäre es, mit Personen anderer Überzeugung zu diskutieren, sie mit Argumenten zu traktieren und sich mit ihnen zusammenzuraufen.

Das Fehlen produktiver öffentlicher Debatten über das Gemeinwohl kann man jedenfalls keinem der üblichen Verdächtigen in die Schuhe schieben. Daran sind weder der Neoliberalismus noch Kärnten schuld. Es ist unsere eigene Zögerlichkeit, Faulheit und die kaum überbrückbare Distanz gegenüber „gewöhnlichen“ Leuten und deren schwer erträglichen Weltsichten. Doch eher kann man Massen dazu befähigen, die Welt ein wenig anders zu sehen, als dass ein Wunderwutzi unser aller Problem für uns lösen wird.

Meine Befürchtung: Österreich wird weiterwurschteln, und Österreichs Intellektuelle werden weiter schweigen oder wiederkäuen. Die drängenden Probleme werden weiter liegenbleiben. Nichts würde mich mehr freuen, als mit dieser Prognose nicht recht zu behalten.

Quelle: derstandard.at

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