Profite und Verluste: Die Bonus-Affäre

Wesentliche Inhalte eines in der Pariser Tageszeitung Le Monde am 14. August 2009 auf Seite 2 erschienen Leitartikels. Autor: Jean-Paul Fitoussi, Originaltitel: „Des profits et des pertes:„l’affaire des bonus“. Übertragen von Gerhard Kilper.

Das Besondere an der Sanierung des Finanzsystems war aus wirtschaftsgeschichtlicher Sicht, dass die von der irrationalen Blase hauptsächlich profitierenden Großen der Finanzindustrie plötzlich von der Allgemeinheit, die mit den Finanzmarkt-Turbulenzen überhaupt nichts zu tun hatte, Solidarität einforderten. Vor der Krise hatte man noch Solidar-Instrumente wie Steuern und steuerliche Redistribution als schlimmste Hindernisse für die Entfaltung wirtschaftlicher Effizienz angesehen.

Die Zurückdrängung gesellschaftlicher Solidarität zugunsten individueller, in Geldeinheiten gemessener „Leistung“ löste historisch paradoxerweise eine positive gesellschaftliche Dynamik aus: die Demokratie befreite zunächst die Menschen, vereinzelte sie jedoch gleichzeitig (und ließ sie mit ihren Lebensrisiken allein). Mehr Freiheit / Autonomie brachte dem Einzelnen dann eine solidarisch-kollektive Maßnahme, die Einrichtung des Systems Sozialer Sicherheit.

Vereinzelung und Autonomie bewirken, dass die Menschen meinen, sie seien allein – im Guten wie im Schlechten – für ihr eigenes Schicksal verantwortlich. Doch der Einzelne ist nur aufgrund solidarisch-kollektiver Entscheidungen als Ergebnis demokratischer Diskussion frei und autonom geworden. Solidarisch-kollektive Entscheidungen ermöglichen also den allgemeinen Zugang zu öffentlichen Gütern wie Bildung, Gesundheit u.s.w.

Solidarität wird als so abstrakt wahrgenommen, dass diejenigen, die im Leben „erfolgreich“ sind, die Einrichtung öffentlicher Güter als Vorbedingungen ihres „Erfolgs“ völlig ausblenden, ihr Erfolg war und ist für sie allein ihr persönlicher Verdienst. Wenn dieser „Verdienst“, wie es neoliberale Ideologie (und nicht fundierte Theorie) glauben machen will, mit Geldeinheiten gemessen wird, entfallen ethische Grenzen für die Höhe der Einkommen. Wenn ich tausendmal mehr verdiene als du, bin ich eben tausendmal mal mehr wert als du.

Geld bekommt damit für das Individuum seinen „wahren“ Wert, den seines Verdienstes bzw. seiner Kompetenz. Die menschliche Natur, Ego und / oder Arroganz tun ihr Übriges. Bevorzugter Ort, an dem die eigene Ego-Überschätzung auf überhaupt keine Hindernisse stößt, ist der Geldmarkt. Geld ist etwas Abstraktes, nach Hegel „die Abstraktion der Abstraktion“. Dies verleitet die im Finanzsektor Tätigen dazu, jeden Bezug zur Realität zu verlieren.

Mit der Krise entdeckte man auch im Finanzsektor die gesellschaftliche Solidarität wieder und verstand, dass in der Wirtschaft individuelle Autonomie illusorisch bzw. dass Interdependenz dem Wirtschaftsleben immanent ist. Aber zielte diese „alt-neue Erkenntnis“ nicht nur darauf ab, Akzeptanz für die Hilfen der Steuerzahler zu schaffen?

Dank der Milliarden der Steuerzahler betreiben die Banker heute wieder nach alter Gewohnheit ihre für sie selbst so lukrativen Geschäfte, die bei anderen so großen Schaden anrichten können. Schlimmer noch, sie tun so, als ob der Absturz der Wirtschaft und die Millionen zusätzlicher Arbeitslosen nichts mit der von ihnen ausgelösten Krise zu tun haben.

In der Krise wurde behauptet, Banken seien zu groß und systemisch zu bedeutend, um sie insolvent gehen lassen zu können. Was sagt man heute, wo sie noch größer und noch mächtiger als vor der Krise geworden sind?

Banker wissen jedenfalls, dass ihre Institute noch weniger Risiken ausgesetzt sind. Sie sehen sich heute einer (Real-)Wirtschaft gegenüber, die infolge der Wirtschaftskrise mehr denn je auf Kredite angewiesen ist. Der Verkauf dringend gebrauchter Medizin auf einem Markt mit geringer Konkurrenz ist für jede Branche ein unverhoffter Glücksfall und dass dann ein Teil der Gewinne an die Beschäftigten in Form von Boni weitergegeben wird, wäre auch noch kein Problem.

Zum Problem aber wird der Finanzsektor durch seine systemische Funktion als Geldversorger der Wirtschaft. Besonders durch diese Funktion drängt sich heute der Eindruck auf, dass die Bankprofite nicht durch sachgerechte Aufgabenerfüllung legitimiert sind. Was kann gegen das Gefühl der Banker, zu Unrecht verachtet zu werden und gegen die verbreiteten Aversionen gegen das Bankenwesen getan werden?

Die Hilfen an die Banken wurden von der Politik in aller Schnelle und ohne ausreichende Garantien (von Seiten der Banken) gewährt. Daher sollte jetzt endlich die Reglementierung des Finanzsektors durch Gesetze, durch Kontroll- und Regulierungsvorgaben in Angriff genommen und dieser neu und besser organisiert werden.

Quelle: Le Monde (via www.nachdenkseiten.de)

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