1. Wer ist dumm?

Früher war alles ganz einfach. Da gab es den Dorftrottel. Der war dumm. Darüber herrschte Einigkeit. Ob er geistig zurückgeblieben war oder unter einem körperlichen Defekt litt, kümmerte niemanden. Und die Zeiten, da Kinder als „hoffnungslose Fälle“ in die Sonderschule abgeschoben wurden, obwohl sie nicht begriffsstutzig waren, sondern nur schlecht hörten oder schlecht sahen, sind auch in unseren Breiten noch nicht so lange passé. Die Verwandtschaft zwischen körperlichem und geistigem Defekt lebt in den Worten weiter. Man vergleiche nur die Ähnlichkeit zwischen dem englischen „deaf“ (taub) und dem deutschen „doof“ . Robert Musil wies in einem Vortrag in Wien am 11. März 1937 darauf hin, dass der österreichische Dialektausdruck für „schwerhörig“ – „terisch“ – seine Wurzel in „töricht“ hat. Lange Zeit also wurde ein Defekt am Kopf als Defekt im Kopf gedeutet.

Als die großen Zeiten des Vermessens anbrachen, gab man sich mit dem Augenscheinlichen nicht mehr zufrieden. Nun wollte man ganz genau wissen, wer klug und wer dumm ist. Groß war deshalb die Freude, als 1905 die beiden französischen Psychologen Alfred Binet und Théodore Simon den Intelligenztest erfanden. Nun konnte jedem Menschen sein „IQ“ zu- und er selbst auf einer Skala eingeordnet werden. Leider gibt der „Intelligenztest“ zwar über alles Mögliche Auskunft, sagt aber nichts über die Dummheit aus. Der sprichwörtliche zerstreute Professor – auf seinem Gebiet eine Koryphäe, aber unfähig sein alltägliches Leben zu organisieren – zeigt das Dilemma prototypisch auf. Einerseits ein Genie, andererseits ein Depp.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, wurden „emotionale“ und „soziale Intelligenz“ in die Diskussion eingeführt. Damit sollte es endlich gelingen, einen sauberen Trennstrich zwischen Klug- und Blödheit zu ziehen. Ein Unterfangen, das scheitern muss und das man selbst nur als dumm bezeichnen kann, wie Matthijs van Boxsel in seiner „Enzyklopädie der Dummheit“ schreibt. Denn: „Dummheit steht nicht im Gegensatz zu Intelligenz; Dummheit steht im Gegensatz zu Undummheit und Intelligenz im Gegensatz zu Unintelligenz.“

Quelle:
Ich bin doch nicht blöd!
Eliteuniversitäten, Lesen, Schreiben und Rechnen schon für Dreijährige sind die Schlagworte der Stunde – Der Unverstand? Wird ignoriert.
Was daran liegen mag, dass ihm auch Bildung nichts anhaben kann. Eine Exkursion in die Welt der Dummheit in 10 Schritten von Gerhard Pretting.
(ALBUM – DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.5.2009)

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