Sättigung oder zwei Grenzen des Wachstums

Karl Georg Zinn schreibt in „Le Monde diplomatique“ über John Maynard Keynes und die Theorie der endogen bedingten Wachstumsabschwächung unter anderem:

[…]

Aber leistet Keynes auch einen Beitrag zur neueren „ökologischen“ Wachstumskritik? Umweltprobleme und endliche Ressourcen spielten in den Prognosen von Keynes und Fourastié zwar noch keine Rolle. Doch ihre Beschreibung des in den industrialisierten Volkswirtschaften angelegten Stagnationsmechanismus hebelt nicht nur das Wachstumsparadigma aus, sondern liefert auch eine ergänzende Argumentation für die ökologischen Wachstumskritiker. Ob Kapitalismus ohne Wachstum, und das heißt ohne Akkumulation, möglich ist, lässt sich wohl nicht eindeutig beantworten. Fest steht jedoch, dass sowohl die marxistische Kapitalismuskritik als auch die prokapitalistische Wirtschaftstheorie davon ausgehen, dass das System ohne Wachstum (Akkumulation) nicht überlebensfähig sei – weshalb die kapitalistischen Machteliten auch jegliche Wachstumskritik kategorisch ablehnen und sich höchstens in oberflächlicher Öko-Rhetorik üben. Diskussionen mit Wissenschaftlern, die für ein weiteres Wachstum pessimistische Ausblicke bieten, geht man wohlweislich aus dem Wege.

Die ökologisch begründete – mehr oder weniger apokalyptische – Wachstumsskepsis wiegt weitaus schwerer als die der „Stagnationstheoretiker“. Letztere leiten aus der von ihnen erwarteten Wachstumsabschwächung schließlich kein Katastrophenszenario ab. Wenn sie anhaltende Massenarbeitslosigkeit und zunehmende soziale Armut für eine Katastrophe hielten, würden sie damit ja implizit den gegenwärtige Kapitalismus als etwas Katastrophales bezeichnen.

Gegenüber der ökologischen Wachstumsproblematik und den absehbaren Gefahren für unseren Planeten und seine Bewohner erscheint die gegenwärtige Wirtschaftskrise fast harmlos. Keineswegs harmlos sind allerdings die verzweifelten Bemühungen der Wirtschaftspolitik, den Problemen wieder nur mit mehr Wirtschaftswachstum beikommen zu wollen. Das wird zwar nicht oder nur unzulänglich gelingen, aber dabei wird kostbare Zeit verschwendet. Statt die Krise zu nutzen, um eine grundsätzliche Systemreform einzuleiten, wird das Gegenteil versucht, nämlich den Status quo ante wiederherzustellen.

Doch es wird vermutlich bei dem Versuch bleiben, denn die aktuelle Krise ist nur der Auftakt zu einer globalen Transformation des Kapitalismus. Die Vorrangstellung des Westens ist längst im Schwinden und wird im Laufe dieses Jahrhunderts zu Ende gehen. Die Dialektik der Globalisierung beschleunigt den technisch-wirtschaftlichen Wiederaufstieg Ostasiens. Damit stehen deren westkapitalistische Initiatoren – insbesondere die USA mit ihrem berühmten „Washington-Konsens“ – vor einem Dilemma: Entweder setzt sich die Deindustrialisierung des Westens fort und damit auch die chronische Krise; oder der Westen fängt endlich an, sein Wirtschaftssystem umzustellen und nach Lösungen zu suchen, die auch ohne anhaltendes Wachstum funktionieren.

Ob und wie weit ein solcher Versuch noch mit kapitalistischen Verhältnissen vereinbar sein wird, muss offen bleiben. In jedem Fall aber wird es sich um einen anderen Kapitalismus als den heute vorherrschenden handeln. Denkbar ist – mit allerlei Unterschieden von Land zu Land – sowohl ein neofeudalistisches Regime als auch ein sozialistischer Weg. In den USA und in den mitteleuropäischen Ländern hat sich bereits während der vergangenen Jahrzehnte eine zunehmende Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung hergestellt, die von den Herrschenden durchgesetzt und von Wählermehrheiten nachträglich sanktioniert wurde. Allem Anschein nach fördern die „postdemokratischen“ Tendenzen dieser Gesellschaften die Transformation zu neofeudalistischen Verhältnissen.

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Quelle: www.monde-diplomatique.de

Kommentar: Wachstum ist einfach nur ein Wort und Vollbeschäftigung ein Irrtum

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