Quelle: … (Reiner Schwalme)

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_skywalker_

Clemens Berger schreibt in seinem Essay “Suche nach neuen Menschen” über ein perverses Bildungsfernsehen, das er mehr als Zurichtfernsehen sieht, unter anderem:

[…]

Ich kann Kanzler geht nun einen Schritt weiter. Nach Biopolitik im perversen Bildungsfernsehen wird neuerdings im Zweiten Deutschen Fernsehen vorgeblich ein neuer, unverbrauchter Politiker gesucht. Der Kandidat steht vor einem Pult, hinter ihm hängt der „hässliche Vogel“ (Heine), der deutsche Adler. In den Plenarbänken sitzen drei Viertelintellektuelle, und wer nicht ohnehin schon als Affirmierer der Ziele der heute geplanten Zukunft kommt, hat mit Günther Jauchs hochgezogener Braue zu rechnen. Die Kandidatin hat Rede und Antwort zu stehen, bevor sie in gestoppten fünfundvierzig Sekunden ihr Konzept für Deutschland darlegen soll. In der Sendung geht es in Wirklichkeit um das genaue Gegenteil von Politik: um Verwaltung des Bestehenden, um den gemeinsamen Schwur, dass eine andere Organisation der Arbeit und des Lebens weder möglich noch wünschenswert sei.

Man sucht nicht einmal einen deutschen Obama, geschweige denn einen Marx oder Lenin. Man sucht Pragmatiker, die sich noch hingebungsvoller der Ideologie der Märkte, der Eigenverantwortung und Flexibilität hingeben als die herrschende Nichtpolitik. Der Theologiestudent, der klug für ein Grundeinkommen plädiert, wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Wer soll das bezahlen? Wer würde noch arbeiten, wenn er ohnehin achthundert Euro pro Monat bekäme? (An der Frage sieht man für gewöhnlich am besten, wie beseelt die Unermüdlichen von dem sind, was sie rund um die Uhr tun.) So nimmt es nicht wunder, dass gerade eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die Hartz IV bezieht, sofort von allen drei Jurymitglieder ein Ja zum Aufstieg in die nächste Runde bekommt, nachdem sie darlegte, man solle nicht jammern, man könne auch von Hartz IV leben, man müsse halt die Ansprüche herunterfahren. Auf die Frage, wie sie zu dieser bewundernswerten Einstellung gekommen sei, antwortete sie, durch ihre Erfahrungen auf dem Arbeitsamt, wo sie das unbändige Gefühl überkommen sei, die Menschen wachrütteln zu wollen. Nachfrage: Wen? Die Menschen auf den Gängen oder die in den Büros? Die Kanzlerkandidatin zögert keine Sekunde: die Menschen auf den Gängen!

Quelle: derstandard.at