Kultur ist die tiefste Wurzel

Björn Engholm wünscht sich ein Europa, in dem kritischer Geist wieder das Undenkbare zu denken beginnt:

[…]

Jürgen Habermas hat vor längerem unsere Zeit als eine neuer Unübersichtlichkeiten bezeichnet: gemessen an den tiefreichenden Veränderungen allein des letzten Jahrzehnts ein eher stark untertreibender Begriff. Mit rasanter Geschwindigkeit sind unsere Gesellschaften von einer langen Periode relativer Gewissheiten (bis in die beginnenden 80er) über eine Phase der Unübersichtlichkeit (bis zur Blockauflösung) nun in eine Zeit gelangt, in der deregulierte Märkte und scham- wie regellose Akteure uns die größte Finanz- und Wirtschaftskrise der Neuzeit beschert haben.

Optionen für die Zukunft

Wie nie zuvor bestimmen Zweck, Nutzen und Profitabilität nicht nur wirtschaftliches, sondern jedwedes gesellschaftliches Tun; erstmals in der Geschichte sind ausnahmslos, alle Geschicke unserer Polis der Ökonomie überantwortet. Wie steht es um die Ratschläge Kants, sich seines Verstandes zu bedienen, und wie um Descartes‘ „cogito ergo sum“? Wo ist der kritische Geist, der Fehlentwicklungen markiert, wo die Universitas, die Optionen für die Zukunft offeriert?

Wo ist der leidenschaftliche öffentliche Disput über Alternativen, der Diskurs der klugen Köpfe der Gesellschaft über die Zukunft derselben?

Es scheint, als ginge der Geist nach Brot, orientierte sich am Markt, liefere Produkte, die marktgängig sind, gefragt: Die Ratio kapriziert sich auf Ökonomisch-Technisches. Querdenker, Zeitgeistlose, Skeptiker – wenn es sie denn noch gibt – haben ein abnehmendes Publikum, keine Einschaltquoten und schon deshalb keinen Markt: Der grenzenlos kritische Geist, Europas vielleicht größte Kraft, steht in der freiesten Zeit aller Zeiten alles andere als in Blüte!

Veränderte Sinneswelt

Auch die Kultur der Sinne, die Aisthesis, also die sinnliche Wahrnehmung, die uns allein den Zugang zur Welt ermöglicht und Basis jeder künstlerischen Kreation ist, verändert sich rapide. Das Sehen, unsere visuelle Kompetenz, wird in hohem Maße geformt und geprägt durch laufende Bilder, deren Flut (300 bis 400.000 Angebotsstunden per anno) alles frei Haus liefert, was noch vor einer Generation selbst zu entdecken war. Je bildervoller, desto fensterloser würden wir, denn wer alle Bilder besitze, brauche keinen neugierigen Blick nach draußen mehr (Wolfgang Welsch). Das Hören, der auditive Strang unserer Wahrnehmung, unterliegt ähnlichen Veränderungen.

Dass Verkehrslärm oder industrielle Dezibel das empfindsame Ohr schädigen können, ist hinlänglich bekannt. Was es bedeutet, wenn eine akustische Glocke über uns gestülpt wird, unter der – im Büro, beim Friseur, im Kaufhaus, im Lift, vom Café bis zum Airport-Klo und dem Animationsklub auf den Seychellen – die ewiggleichen Musikclips laufen; wenn der Hörfunk (die alte Domäne der Sprache) zur sprachlosen Popmaschine und Sprache nur noch zum Träger von Werbebotschaften wird; wenn die musikalische Vielfalt im postmodernen Crossover differenzierter Hörerfahrung, der Stille, der Regeneration des Hörempfindens immer seltener werden – es sei dahingestellt. Was für Sehen und Hören, gilt auch für die übrigen Sinne, für Tasten, Riechen und Schmecken. Je cleaner diese Welt wird, je mehr synthetische Düfte sie durchziehen, je weiter die Junk- und Fastfood-Kultur reicht und je universeller und weniger vielfältig die Duft- und Geschmacksvarianten werden; je umfänglicher alte handwerkliche durch neue industrielle Großproduktionen und individuelles durch Massendesign ersetzt wird, wenn Sex vor Erotik geht: Es hat Auswirkungen auf unsere geschmacklichen, olfaktorischen und taktilen Fähigkeiten.

Imagination, Intuition und Fantasie sind die Grundlagen jeder ästhetischen Produktion, meint: Künstler (und ihre Rezipienten) leben substanziell von ausgeprägter Sinnlichkeit. Wandeln sich Wahrnehmung und wahrgenommene Welt, verändern sich zwangsläufig auch die Kreationen und deren Nachfrager.

Kunst als Marktware

Hans Zender, einer der bedeutenden zeitgenössischen Komponisten und Dirigenten, verleiht seit längerem seiner Befürchtung Ausdruck, dass Kultur mehr und mehr zur Marktware werde, zum wirtschaftlichen Produkt, denn Ansehen und Preis von Angebot und Nachfrage bestimmt und nach Nutzen und Zweck bewertet werde. Es sei der Tod aller kultureller Innovation, wenn Kunst zum Wurmfortsatz des Ökonomischen verkomme …

Dass, schließlich, die Kultur umso gefährdeter ist, je härter die ökonomischen Zwänge sind, dass sie in Zeiten, da unvorstellbare Milliarden in marode Finanzinstitute gepumpt werden und der Staat als Arzt kranker Unternehmen sich bis über die Halskrause verschuldet, Not zu leiden droht, ist evident. Die Gefahr, dass die Künste und die Kultur zugunsten der finanziellen und der wirtschaftlichen Sanierung geschleift werden, lauert vor der Tür.

Was braucht unsere Zeit? Was braucht sie gerade jetzt in der Krise? Was brauchen die Menschen, die auf der „Wanderdüne der Weltwirtschaft leben“ (J. Reiter, ehem. Botschafter Polens)?

Kritischer Geist

Was erwarten wir von Europa, diesem so genuin von Kultur geprägten Kontinent? […] Setzen muss Europa auf die Prinzipien des kritischen Geistes, der sich nicht in technisch-ökonomischer Rationalität erschöpfen darf, sondern alle Felder des sozialen Lebens durchdringen und wieder alternative Zukunftsoptionen eröffnen muss.

Unverzichtbar sind die Künste, die Musik, Literatur, Darstellung und Bildkunst. Ihre Promotion ist Voraussetzung für die Vitalisierung aller sinnlichen Wahrnehmungs- und Kreationspotenziale. Woher, wenn nicht aus der Pluralität künstlerischer Expressionen, sollten wir die Kraft zu Intuition, Imagination, Fantasie und Kreativität ziehen?

Fantasie und Kreativität

Und wie, wenn nicht mit einem Höchstmaß an Fantasie und Kreativität, sollte Europa in der Welt erfolgreich sein? Vor allem, wie sollten europäische Identifikationen oder gar eine europäische Identität entstehen in einer Welt universeller und herkunftsneutraler Modernisierungsprozesse? Sich seiner Geschichte, der Vielfalt von kulturellen Würfen bewusst sein, aus ihnen schöpfen und Neues kreieren – darin mag Europas größte (mögliche) Stärke liegen.

Gerade heute! Was wünscht man/frau sich demnach? Ein geistiges, kulturelles und soziales Klima, in dem eine europäische Polis gedeihen kann, die lustvoll und grenzenlos von ihren großen Geistern und Gütern Gebrauch macht; ein Kontinent, auf dem neugieriges Sehen, sensibles Hören, Querdenken, starke Gefühle und bewusstes Mitempfinden zu Hause sind; eine Gemeinschaft, in der Prestige als Repräsentant von Ökonomie oder Politik nur verdient, wer sich kulturell engagiert.

Das Undenkbare denken

Sich in einer Zeit der Dominanz der Ökonomie ein Europa vorstellen, in dem kultureller Honig fließt und kritischer Geist wieder das Undenkbare zu denken beginnt – das hört sich eher naiv an. Aber was bliebe andererseits von Europa ohne solche Hoffnung? Jacques Le Goff, der Doyen der französischen Historiker, schrieb: „Wenn es dem vereinten Europa nicht gelingt, eine lebendige europäische Kultur zu schaffen, würde ich es als gescheitert ansehen. Europa wird entweder kulturell bestehen, oder gar nicht.“

Quelle: derstandard.at (Printausgabe vom 23. Mai 2009)

Kunst und Kultur sollten nicht zum Wurmfortsatz des Ökonomischen verkommen – doch brauchen auch Kunst und Kultur eine ökonomische Grundlage. Könnte diese Grundlage das bedingungslose Grundeinkommen sein?

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