Quelle: www.sakurai-cartoons.de

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  • Die Macht der US-Lobbyisten: Obama hatte den Lobbyisten harte Zeiten prophezeit – durch seine Reformen steigen ihre Umsätze * http://3.ly/ZYx
  • Exxon gegen Obama – Der amerikanische Ölkonzern wird zum gefährlichsten Gegner Obamas und seiner Umweltpolitik * http://3.ly/GeU
  • Ein Menschenrecht auf Emissionen – Auch „Kopenhagen“ wird scheitern, weil die Vorzeichen nicht stimmen * http://3.ly/5Jl
  • Abwertung der Erwerbsarbeit und Kompensation fehlender Kaufkraft durch Kredite = Schaffung von Abhängigkeit durch Verschuldung * http://3.ly/hLV
  • Zur aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise – Erklärung der Kommission „Globalisierung und soziale Gerechtigkeit“ * http://3.ly/2Qb

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Quelle: www.toonpool.com (Petra Kaster)

Christoph Prantner über eine ideologisch obdachlos gewordene Menschheit 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion:

[…]

In Gottes Hand

Mit dem Verschwinden der immerhin aus der Aufklärung kommenden klassischen Ideologien entsteht (…) eine Retheologisierung der Politik, innerhalb deren die gesellschaftliche Auseinandersetzung noch viel unberechenbarer und mörderischer wird, als sie es über viele Jahrzehnte zuvor ohnehin schon war.

Viele wollen ihr Schicksal nicht mehr selbst gestalten, sondern legen es lieber wieder in Gottes Hand. Ging es im Kalten Krieg bei den einander feindlich gegenüberstehenden Weltanschauungen noch um den Abtausch von Interessen, ist innerhalb des religiösen Koordinatensystems keinerlei Spielraum mehr für Verhandlungen. Glaubenssätze taugen nicht für einen Kuhhandel, sie sind nicht tauschbar. Bei religiös motivierten Auseinandersetzungen geht es immer auf Leben und Tod, weil es immer um die Auseinandersetzung des absolut Richtigen gegen das das absolut Falsche geht. Nur so ist der destruktive Enthusiasmus, mit dem etwa muslimische Terroristen gegen ihre verhassten ungläubigen Feinde vorgehen, für die Extremisten selbst zu rechtfertigen. Nur so ist für die Angegriffenen die irrationale Unerbittlichkeit der Angreifer zu erklären.

Ihren Kulminationspunkt hat diese aus der Religion motivierte politische Auseinandersetzung vorerst in den Terrorattentaten vom 11. September 2001 gefunden. Die rauchenden Trümmer auf Ground Zero markieren gewissermaßen auch die Stunde null einer Welt, die die herkömmlichen politischen Ideologien endgültig hinter sich gelassen hat.

Kreuzzug gegen den Terror

Wenige Tage später, am 16. September, sprach Präsident George W. Bush im Weißen Haus von einem „Kreuzzug, einem Krieg gegen den Terrorismus“, und davon, „die Welt von jenen zu befreien, die Böses tun“. Hatten die amerikanischen Neokonservativen zuvor (…) im „Project for the New American Century“ nach einer neuen Strategie für die Vorherrschaft Amerikas in den unsicheren neuen Zeiten gesucht, brauchten sie jetzt nur auf den dräuenden religiösen Konflikt einzuschwenken, um ihre Ziele zu verfolgen.

Der politische Grobmotoriker George W. Bush, der in denselben manichäischen Mustern wie Osama bin Laden und die Seinen denkt, konnte die Nation auf einen kriegerischen Showdown, auf die Irakinvasion, vorbereiten. Der enorme politische Flurschaden, den diese mit quasireligiösem Eifer und im Namen von Freiheit und Demokratie verfolgte Agenda angerichtet hat, ist kaum mehr rückgängig zu machen. Die von den Amerikanern in Abu Ghraib und Guantánamo begangenen Barbareien sind das besorgniserregendste Symbol der neuen Zeiten – auch weil Barack Obama, der neue amerikanische Präsident, keinen klaren Trennstrich unter diese unselige Vergangenheit zu ziehen vermag.

Die Linke bleibt ratlos

Lädt sich die Rechte mit Religion auf, bleibt die Linke unterdessen ratlos. Ihr Betroffenheitsgrad vom Ende heilsseliger Ideologien ist naturgemäß höher, und genau genommen haben die sich als progressiv begreifenden Kräfte in den Gesellschaften bis heute nicht vom jähen Ende der Geschichte erholt.

Die klassischen Sozialdemokratien lassen am 1. Mai rote Fahnen im Gedenken an gute Zeiten im Wind wehen, aber aus der schieren Unmöglichkeit heraus, fortschrittlich zu bleiben, sind sie längst reaktionär geworden. Sie und ihre Gewerkschaften bringen nicht mehr viel anderes zustande, als den Status quo zu verteidigen. Ihre Klientel sind Pensionisten, die mit dem zufrieden sind, was war. Das junge Proletariat läuft unterdessen geschlossen zu rechten Populisten über oder verabschiedet sich in die Nichtwählerschaft.

In Deutschland verhält sich Die Linke so, als sei die DDR nie untergegangen. In Frankreich zerfleischt sich der PS in inneren Kämpfen und überlässt die Bühne den Trotzkisten und deren seltsamem antikapitalistischem Karneval.

Attac, das Mitte der 1990er-Jahre für die Promotion einer Finanztransaktionssteuer gegründete globalisierungskritische Netzwerk, macht zwar für seine Anliegen mächtig Wind in der Öffentlichkeit, einen ideologischen Gegenentwurf zur kapitalistisch organisierten Demokratie blieb das Bündnis bisher schuldig. Die Rede von der solidarischen Ökonomie will selbst jetzt, in der größten Krise der Marktwirtschaft seit Jahrzehnten, auf keinen besonders fruchtbaren Boden fallen. Die werktätigen Massen, noch immer ernüchtert vom einst real existierenden Sozialismus, mucken nicht auf. Die Mehrheit weiß, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt – auch wenn zügellose Bankmanager Milliarden verjuxt haben und das System nun mit Steuergeldern saniert werden muss.

Autoritäre Allüren

In Lateinamerika hängen autoritäre Führer Revolutionslametta auf den politischen Christbaum, unter dem etwa in Venezuela Öleinahmen liegen, die das bolivarianische Brimborium des Hugo Chávez fürstlich alimentieren. Arm bleiben die Menschen in Lateinamerika auch mit dem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, auch in Venezuela, wo Chávez seit mehr als zehn Jahren an der Macht ist und neben autoritären Allüren einen in dieser Weltgegend auch nicht ganz unbekannten Nepotismus pflegt. Chávez‘ antisemitische Ausfälle und seine seltsame Allianzenpolitik mit dem Iran Mahmud Ahmadi-Nejads sei nur nebenher erwähnt.

Von einem neuen ideologischen Aufbruch aufseiten der Linken ist das alles weit entfernt. Und auch deren feurigste Sympathisanten müssen wohl über kurz oder lang lernen, sich unbehütet durch die Historie zu schlagen, ein Leben ohne ideologische Leitplanken zu führen. Wahrscheinlich war es in der Geschichte nie bedeutungsloser, von einer linken oder rechten Weltanschauung zu sprechen, die einen ganz bestimmten historischen Zweck verfolgt.

„Die säkulare Gesellschaft ist ein merkwürdiges Phänomen der Menschheitsgeschichte. Denn es ist viel schwerer, ohne Gott zu leben als mit Gott. Religionen geben Sicherheit: Sie ziehen Grenzen und verhängen Verbote, ganz so wie früher Papa und Mama zu Hause. Es ist viel schwieriger, in einer säkularen Gesellschaft zu leben. Es gibt viel mehr Wahlmöglichkeiten. Und eine Art moralisches Schwindelgefühl – das ist ein Albtraum!“, sagt der britische Schriftsteller mit dem pakistanischen Namen, Hanif Kureishi, in einem Interview mit dem TV-Sender Euronews. Wird der Begriff Religion durch den Begriff Ideologie ersetzt, behält das Zitat dieselbe Gültigkeit.

In Wendezeiten

Diese allgemeine Grundsituation sorgt in der entwickelten Welt allenthalben für das unbestimmte Gefühl, doch irgendwie in Wendezeiten zu leben. Wussten die Menschen im Fin de Siècle, der Übergangsperiode zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert, zumindest, dass ihre Epoche endgültig vorbei war und es wohl einen großen Krieg geben würde, sind für ihre Nachfahren zum Début de Millénaire selbst solche Einschätzungen noch vermessen.

Konstanten, mit denen sie zurande kommen müssen, sind ein anstrengender Individualismus, ein vulgärer Konsumismus und eine große Dosis Freiheit und intellektuelle Ungebundenheit, die die Menschen offenbar nicht so ohne weiteres vertragen.

Diese Lage spiegelt sich in der Politik in entsprechendem Personal wieder. In Amerika gibt es den Cheerleader der Hoffnung, Barack Obama, der mit einem vagen Plan der Versöhnung und Modernisierung der USA an die Macht kam und dem sympathischen Zug, zu sagen, dass er selbst oft keine Lösungen für schwierige Proble-me hat. Sein cooler Pragmatis- mus ist nicht nur politisches Stilmittel, es ist die Geisteshaltung einer neuen Ära: Trial and Error, Versuch und Irrtum. Bankenkrise, Pakistan, Gesundheitsreform – in Zeiten wie diesen, da beinahe alles fragwürdig geworden ist, muss man eben sehen, wie weit es damit geht.

Auf der anderen Seite gibt es Verantwortungsträger vom Schlage des politischen Alleinunterhalters Silvio Berlusconi. Ihm wird erlaubt, ein ganzes Land in Geiselhaft zu nehmen, Realitäten wie die Wirtschaftsmalaise schlicht zu leugnen und sich ganz nach seinem pubertären Pläsier zu amüsieren. Auch Entertainment ist ein Trostspender, selbst wenn es im Falle des Premierspapagallos von zweifelhafter Qualität ist.

Schritt für Schritt

Es ist gar nicht leicht zu sagen, welcher von beiden Politikertypen sich in säkularen Staaten durchsetzen wird. Aber es lässt sich doch mutmaßen, welcher denn eine Chance haben könnte, so etwas wie eine Zukunft ohne durchgängige ideologische Grundierung zu gestalten.

[…] Vielleicht ist (…) das ein Trend für die kommenden Jahre: Statt aufs Große und Ganze zu gehen, statt mit ausladender Geste Welterklärungsmodelle zu erdenken, geht es um die Lösung kleiner, spezieller Probleme – immer weiter, Schritt für Schritt, in einer Geschichte ohne Ende.

Quelle: derstandard.at