Die nächste Wirtschaftskrise hat schon begonnen

Zusammenfassung wesentlicher Inhalte eines am 29.Mai 2009, Seite 2, erschienen Artikels in der Pariser Tageszeitung Le Monde; Originaltitel: „La prochaine crise économique a déjà commencé“, Autor: Frédéric Lemaître, Mitglied der Chefredaktion. Übertragen von Gerhard Kilper

Der Ölpreis stieg seit Dezember 2008 von damals 23 Euro pro Barrel auf jetzt über 60 Euro. Diese Preisentwicklung ist zwar schlecht für die Kaufkraft der Autofahrer, kann aber in Krisenzeiten als Zeichen dafür angesehen werden, dass es wieder aufwärts geht. Ist nicht die Kauflust der Konsumenten zurückgekehrt und stellen nicht die Unternehmen auch wieder Leute ein?

Leider nicht, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage liegt am Boden, zum ersten Mal nach 1945 wird etwa der Stromverbrauch weltweit sinken. Ein anderes Phänomen dieser Tage: in den Häfen drängen sich Öltanker, die ihre Millionen Tonnen Ladung nicht löschen, weil ihre Trader auf höhere Preise warten.

Warum hat sich der Ölpreis auf dem Weltmarkt innerhalb weniger Monate verdoppelt? Weil die Trader mit der Schwarzgold-Spekulation wieder begonnen haben – ganz so wie zu Beginn des Jahres 2008, als die Spekulation die Rohstoffpreise auf Rekordhöhen trieb. Durch die massiven staatlichen Hilfen hat sich inzwischen in den Banken das Gefühl breit gemacht, das Schlimmste sei vorüber, primäres Ziel sei jetzt die Wiederherstellung der alten Gewinnmargen inklusive erneutem Einstieg in riskante Geschäfte.

Die Feststellung des G20-Gipfels von London, die nicht funktionierende Kontrolle des Bankensektors sei eine wesentliche Ursache der Krise gewesen oder die Feststellung des Präsidenten der französischen Finanzaufsicht, Jean-Pierre Jouyet, ein substantieller Teil der Finanzmärkte werde de facto nicht kontrolliert und agiere weiter im Dunkeln, hat in den Köpfen der Banker nie eine Rolle gespielt.

Zwar diskreter als vor der Krise, aber mit gleicher Zielstrebigkeit wickeln heute die Trader  wieder Finanzgeschäfte jenseits jeglicher Kontrolle ab. Beispiel: fast jeden Monat gründen Banken oder  Börsen „Alternativ-Plattformen“, so genannte „dark pools“ mit dem Ziel, über sie unkontrolliert Geschäfte nach altem Muster abzuwickeln zu können.

Neben fehlender Kontrolle war Geldgier der zweite die Krise auslösende Faktor. Und auch hier hat sich trotz des Deckmantels des Neubeginns tatsächlich überhaupt nichts geändert. Zwar senkte man die variablen Teile der Gehälter im Finanzsektor leicht ab, aber je nach Bankenhaus wurden im Gegenzug die fixen Gehalts-Anteile um 50% bis 100 % erhöht. Kenneth Lewis, Generaldirektor der mit 45 Milliarden Dollar Steuergeldern wieder aufgemöbelten Bank of America, bestätigte diesen Sachverhalt blauäugig in einem Interview mit Les Echos vom 25. Mai 2009. Die Rückkehr zur Normalität bedeutet für ihn – neben der Rückzahlung staatlicher Hilfen – dass  Manager und alle diejenigen, die zur „Generierung der Bankenumsätze“ beitragen, wieder „normal“ entlohnt werden. Übersetzt heißt das nichts anderes, als dass angestrebt wird, das alte Bonus-System wieder einzuführen.

Was Kenneth Lewis als ein an exponierter oberer Stelle agierender Banker öffentlich äußerte, denken auch seine Banker-Kollegen unten: dass es „normal“ ist, dass man im Finanzsektor Millionen Dollar oder Millionen Euros verdient und dass es völlig außer jeder Diskussion steht, hieran etwas zu ändern.
Wie diese Banker-Geisteshaltung erklären?

In einem jüngst erschienenen Buch schreibt Charles-Henri Philippi, früherer Mitarbeiter von Laurent Fabius und bis vor kurzem noch Direktor der französischen Filiale von HSBC, das Geld sei in seinen Anfängen noch ein Mittel gesellschaftlicher Emanzipation gewesen und habe sich erst im Laufe der Zeit zu einer die Gesellschaft beherrschende Religion der „Gier nach mehr“ entwickelt.

Wir stehen momentan an einem Scheitelpunkt der aktuellen Wirtschaftskrise. Die finanz- und wirtschaftspolitisch gebotenen Maßnahmen (Rettung der Banken, Programme zur konjunkturellen Ankurbelung) wurden ergriffen, doch das Wichtigste bleibt noch zu leisten: die Wiederherstellung des „verspielten“ Vertrauens der Sparer.

Zwar hat die G20-Konferenz in London einige Leitlinien für eine neue Welt-Finanzordnung beschlossen, doch sie hat weder das monumentale Finanz-Ungleichgewicht zwischen den Weltmächten China und USA einer Lösung näher gebracht noch zwingende neue Finanz-Regeln beschlossen.

Über die Ausgestaltung der neuen Finanzregeln sind auch die Europäer geteilter Meinung. Und niemand in Europa denkt zurzeit ernsthaft über eine substantielle Erhöhung der Einkommensteuerprogression nach, über die Höchstgrenzen bei den Managergehältern erreicht werden könnten. So gehen logischerweise auch die Finanzgeschäfte weiter wie bisher: trotz des Risikos, die nächste Krise beschleunigt heraufzubeschwören, wird das Finanz-Spiel maximaler Bereicherung ungehemmt fortgesetzt.

Quelle: www.nachdenkseiten.de

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