Systemkrise und/oder Mitverantwortung?

Anmerkung von Orlando Pascheit (www.nachdenkseiten.de) zu
Die Mär von der Gier“ und „Gesine Schwan will Manager nicht pauschal verdammen„:

Je länger die Diskussion über die Ursachen der gegenwärtigen Krise anhält, desto mehr wird anscheinend die Verantwortung des Einzelnen zurückgedrängt. Besonders beliebt ist neuerdings das System als Letztursache der Krise. Allerdings wärmen nicht irgendwelche Alt-Linke wieder die Systemfrage auf, sondern genau die Marktapologeten, die sich bisher damit hervortaten, an die Initiative und Eigenverantwortung von Hart IV- Empfängern zu appellieren. Angesichts der gewaltigen Schieflage bei der Verteilung von Vermögen und Einkommen, einer noch nie gekannten Expansion des Niedriglohnsektors und einer wachsenden Armut fragt man sich, wo der Volkswirt und Theologe Nils Goldschmidt einen funktionierenden Sozialstaat ausmacht.

Ärgerlich macht, dass der Ökonom Goldschmidt die Wurzeln seiner Profession nicht kennen will und Gier als individuelle Krankheit abtun möchte. “Own advantage”, “self interest” oder “own interest” bei Adam Smith ist nichts anderes die durch einen Rationalisierungsprozess gelaufene natürliche Leidenschaft, Habgier, von der David Hume meinte, sie sei eine “universelle Leidenschaft, die zu allen Zeiten, an allen Orten und auf alle Menschen wirkt.” Seit Smith gilt allen liberalen Ökonomen als Leitsatz: “By pursuing his own interest, he frequently promotes that of the society more effectually than when he really intends to promote it”.

Zu einer fundierten ordnungspolitischen Debatte gehört zunächst einmal die Frage, warum im Finanzmarkt jede “ordo” abgeschafft wurde und dieser deshalb im Laissez-faire-Chaos enden konnte. Und hier soll der Eigennutz der handelnden Personen in Politik und Wirtschaft keine Rolle gespielt haben? Warum wohl geht die Zahl der Lobbyisten in Berlin und Brüssel in die Tausende? Warum wohl landen Spitzenleute der Politik reihenweise nach dem Ausscheiden aus ihren Ämtern als hochdotierte Berater in der Wirtschaft? Dieses System ist nicht über Nacht über uns gekommen, es ist von Menschen gemacht, die darin ihren Vorteil gewahrt wissen. Sie sind zur Verantwortung zu ziehen – ob das böse oder verführte oder was für Menschen auch immer das für Gesine Schwan sind. Weder die Politik, noch die Wirtschaft, weder der Hinterbänkler im Parlament noch der kleine Anlageberater in der Bank ist aus der Verantwortung zu entlassen. Es ist schon beachtlich, zunächst sollten wir die Mär glauben, dass nur eine kleine Minderheit von Mathematikern in den Banken um das Risiko der von ihnen kreierten, giftigen Produkte wussten, ihre Chefs das nicht ganz erfassten und die Berater an den Schaltern gar keine Ahnung hatten. Jetzt sind sie alle Opfer des Systems. – Wenn wir in der Logik dieser Anschauung blieben, wäre die Aufarbeitung der NS-Zeit sinnlos.

Zum Zusammenspiel von Politik und Banken siehe auch:
Regierung wollte die Ursachen der Finanzkrise verheimlichen

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