Das Wunder unendlichen Wachstums!

Der Autor und Essayist Robert Menasse in einem Interview mit derStandard über Goethes „Faust“

Diese momentane große Krise, diese Todes- oder Überlebenskrise des Kapitalismus, das ist die Krise am Ende von Faust II. Goethe, der große deutsche Dichter, beschreibt an der Biografie eines Mannes die Geschichte der Moderne. Sie beginnt mit der Aufklärung und dem Anspruch, die Welt zu verstehen. Wissen zu akkumulieren. Darum studiert Faust alles Mögliche und kommt drauf, das befriedigt ihn nicht. Also: Wenn das Verstehen der Welt mir nicht genügt, dann will ich sie genießen können. Dann will ich die sinnliche Lust am Leben. Das ist, auf die Moderne umgelegt, die Geschichte der Aufklärung, der Enzyklopädisten, die auch wissen wollten: Was ist die Wahrheit; hin zu einer Gesellschaft, die immer mehr Reichtum produzieren konnte und das als Glücksversprechen anbietet. Aber dann merkt Faust: Das befriedigt ihn auch nicht. Die sinnliche Lust führt auch nicht zur Erlösung.

Die dritte Möglichkeit ist, die Welt nach meinem Ebenbild zu gestalten. So wie bei Faust II: Er wird vom Gelehrten über den Genießer bzw. dem Menschen mit Genusssehnsucht zum Unternehmer. Als Herausforderung empfindet er nur noch, das Unmögliche, das Paradoxe zu schaffen: Leben, wo kein Leben ist; Land, wo kein Land ist und so weiter. (…)

Der neue Pakt heißt: Wenn du mir ein Wunder schenken kannst, so schenke mir in einer endlichen Welt das Wunder unendlichen Wachstums! (…)

Eine zentrale Frage im Kapitalismus, in der von Faust erschaffenen Welt, ist: Wenn ich eine Welt will, die unendlich wächst, was ist nach meinem Tod? Hinterlasse ich ein Erbe, das bewältigt werden kann? (…) Die Frage, ob man wegen einer großen heiligen Idee die nächste Generation opfern darf.

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